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Reisebericht 3. Etappe

 
 

Ohne mich endgültig entschlossen zu haben, auf welchem Weg ich heute an den Fuß des Mont Ventoux kommen will, hatte ich gestern abend die Karte aus der Hand gelegt. Noch bevor ich in den kleinen Läden neben dem Hotel das Frühstück zusammenstelle bin ich am rechnen. "Wie weit ist es wirklich bis nach Sault? Wieviel ´versteckte´ Höhenmeter werden wohl auf mich zukommen? Welchen Schnitt muss ich fahren um vor Einbruch der Dunkelheit am nächsten Etappenort zu sein?" Und dann das:

Als wäre es nicht genug, dass ich meinem Ehrgeiz die Notre Dame de la Salette - sozusagen als zweites Frühstück - versprochen hatte, fallen meine Augen auf den Col du Noyer, der etwas abseits vom direkten Weg zum Col du Festre liegt. Dafür verspricht er aber bereits auf der Karte, das größere Erlebnis zu werden. Die Mehrkilometer und die 700 zusätzlichen Höhenmeter müsste ich dann auf dem Rest der Strecke zeitlich wieder wettmachen. Das Abendessen in Sault will ich dafür dann doch nicht opfern.

Schon vom Zimmerfenster hatte mich der beeindruckende ´Obiou´ (2.790 m) an der gegenüberliegenden Talflanke in der Morgensonne begrüßt. Während ich auf dem Weg zur Notre Dame de la Salette bin, ist er mein ständiger und einziger Begleiter. Kein Mensch, kein Auto weit und breit. Als ich oben ankomme, wird mir klar, warum das so ist. Die Frühmesse an diesem hohen Wallfahrtsort ist noch in vollem Gange, als ich mich für einige Augenblicke unter die Besucher mische.

Zurück in Corps, fahre ich kurzerhand Richtung Süden um doch den Col du Noyer mitzunehmen. Auf einem Hochplateu am Fuß dieses Passes, in le Noyer, erwartet mich die nächste Überraschung. Der Gebirgsübergang, der wegen akuten Steinschlags für Pkws gesperrt ist, soll gerade jetzt auch für Radfahrer unpassierbar sein. Ich ignoriere die Straßensperre. Ein Zurück und jede andere Wegstrecke würde das Erreichen des Tagesziels Sault in unerreichbare Ferne rücken lassen. Mit gemischten Gefühlen hinsichtlich dessen, was mich da oben erwarten würde, schraube ich mich höher und höher. Schließlich schlängele ich mich durch den Steinschlagabschnitt, zu dem nicht zuletzt die Straßendecke ihre Geschichten erzählt. Aber dann ist plötzlich nichts mehr mit Fahren. Die 50 Meter Straße die bis vor kurzem noch hier oben gewesen sein mussten, sie sind bis zu 150 Meter talwärts gerutscht. Jetzt hilft nur noch Schuhe ausziehen, das Rad schultern und mit achtsamem Blick für das was von oben kommt, klettern. Genuss pur, ist dann die schmale, aber gut ausgebaute Strecke hinunter in das Hochtal in dem St. Etienne liegt.

Nun heißt es, die Erleichterung darüber, dass Sault doch wieder erreichbar erscheint, in Tempo umzusetzen. Ruck zuck bin ich über den Col du Festre hinweg, aber bald wird klar, dass mir selbst auf dem Roller-Abschnitt bis ins 60 km entfernte Eyguians nichts geschenkt werden wird. Gleichmäßiger Südwind stemmt sich mir so entgegen, dass ich schließlich froh bin, mit einem 30er Schnitt vorwärts zu kommen.

In Eyguians angekommen, biege ich nach Westen ab. Erste ausgedehnte Obstplantagen, durch die die Straße nach Orpierre führt, lassen die Haute-Provence augenscheinlich werden. In Orpierre tanke ich am Dorfbrunnen meine Wasservorräte auf, während auf dem lauschigen Dorfplatz nebenan die Einheimischen bereits ihre abendliche Pétanque-Partie spielen.

Durch Felder und Wälder zieht sich die Straße idyllisch hinauf zum Col St. Jean. Oben angekommen gewinne ich das Wettrennen mit der Sonne doch noch. Während das Tal bereits im Schatten liegt, erwische ich hier oben die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Noch zwei Pässe und 40 km trennen mich von Sault.

Unten in Sederon treffe ich einen Obsthändler, der gerade seinen Laden schließt. Er verkauft mir noch einige Bananen, dann nehme ich zum letzten Mal für diesen Tag Schwung auf. Im Dunkeln möchte ich eigentlich nicht den Weg nach Sault suchen müssen. Und das droht sowieso schon.

Kurz hinter Sederon auf dem Weg zum Col de l´Homme Mort kriecht mir dann zum ersten Mal der Duft in die Nase, den man sich vorstellt, wenn man an die Provence denkt: Lavendel. Zu sehen sind die Pflanzen zwar nicht. Der aus den aufgewärmten Lavendelfeldern aufsteigende Duft wird wohl vom Abendwind weitergetragen.

Als ganz besonderen Moment werde ich das Ankommen auf dem Col de Macuègne in Erinnerung behalten. Vor dem leuchtend roten Abendhimmel im Westen zeichnet sich ein hoher, sanft gerundeter Berg ab, an dessen höchster Stelle der Henninger-Turm zu stehen scheint ...

Mit neuem Schwung fahre ich danach die Kilometer zum letzten Pass des Tages hinauf. Vom Col de l´Homme Mort geht es dann auf einer für diese Gegend ungewöhnlich gut ausgebauten Straße in rasantem Tempo hinunter ins nächtliche Ferrassières. Kurz darauf rolle ich mit einem wahnsinnig guten Gefühl nach Sault hinein.

Nach Zimmersuche, einer das Tageswerk äußerlich abstreifenden Dusche, Trikot und Radhose waschen, zaubert der Koch noch frische, würzige Pilze an eine ´plat des pâtes´. Da darf es neben der Wasserkaraffe, die ich gleich zweimal leere, zum Abschluß gerne auch noch ein würdiger Côtes de Provence sein.