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Den Gipfel des Mont-Ventoux sieht man von Sault nicht. Seine Anziehungskraft aber, die ist auch an diesem strahlenden Septembermorgen allgegenwärtig. Als ich morgens auf den schmalen Balkon vor meinem Zimmer hinaustrete, um den Tag mit richtig frischer Luft zu beginnen, schurrren schon unentwegt Pedaleure Richtung Ortsausgang. Bald darauf hält auch mich nichts mehr. Ich habe mich dafür entschieden mit der Südostroute zu beginnen. Zwischen Sault und Flassan, lädt der Col Notre Dame des Abeilles dazu ein, die Muskeln bei gleichmäßiger Steigung dosiert aufzuwärmen. Dabei wird mir bewusst, wie locker man auf dem Rad sitzen kann, wenn kein Rucksack auf den Rücken drückt. In Flassan kann ich ihn dann zum ersten Mal sehen, den berüchtigten Gipfel. Zugegeben, von hier unten sieht das, was nun vor mir liegt, nicht gerade besonders anspruchsvoll aus. Nach den ersten Kilometern erreiche ich die Kehre in St. Estève, über der die faszinierende Terrasse eines kleinen aber feinen Restaurants, mit einem Postkarten-Provence-Blick thront. Gleichzeitig begleiten mich auf dem weiteren Weg nach oben nun nicht mehr die offenen, landwirtschaftlich genutzten Flächen, sondern schattenspendender Wald. Die Umgebung ist macht auf äußerst friedlich, aber der Berg zeigt nun auch, was er seinen Herausforderern entgegenzusetzen hat. Ohne mit der Wimper zu zucken bietet er durchgängig zwischen 10 und 15 Steigungsprozenten an. Auf dem Weg zum nächsten Orientierungspunkt, dem 10 km entfernten Chalet Reynard, sind es durchnittlich 13 %. Die den Protagonisten des Radsports gewidmeten Aufmunterungen zieren den Asphalt schon hier unten, bis hinauf zum Gipfel sind es sicher Tausend und mehr. Darunter auch immer wieder das UDO-Kreuz. Gibt es noch einen, dem in allen Ecken der Radsportwelt und auf allen bedeutenden Radsportrampen solch eine Achtung entgegenschlägt, der wo auch immer man hinkommt eine solche Präsens hat? Ein wahrer Mythos! Für Insider eine lebende Legende. Im Radsport kann man sich offensichtlich, auch in der zweiten Reihe und ohne medienaufmerksame Mätzchen, Wertschätzung erarbeiten. Wer auf Kehren baut, in denen man mal kurz durchatmen kann, der hofft hier hoch vergebens. Dafür bietet sich jede Menge Abwechslung in Form mehr oder weniger prädestinierter Mitstreiter. Spätestens alle 200 m hängt einer, kurbelt, sucht seinen Tritt und neuen Mut. Unglaublich, wer da heute morgen alles den Entschluss gefasst hat, sich auf den Weg zu dem berüchtigten weißen Gipfel zu machen. Man hat den Eindruck, der Mythos dieses Berges berauscht derart, dass in vielen Fällen eine gesunde Selbsteinschätzung nicht mehr möglich ist. Mit dem Chalet Reynard lässt man den bewaldeten Teil der Strecke hinter sich. Jetzt zieht sich die Straße durch das einprägsame Kalksteingeröll hinauf zum Observatorium. So nah wie der Turm wirkt, will man es kaum glauben, dass noch sechs zehrende Kilometer zu bewältigen sind. Da heißt es die Kräfte erst nochmal richtig einzuteilen. Oben angekommen, eröffnet sich ein überwältigender Blick auf die Provence, die jetzt noch nicht im Dunst untergeht, wie das am Nachmittag der Fall sein wird. Dass dieser Berg erst seit wenigen Monaten mit einer Höhe von 1.912 Metern ü NN geführt wird, lässt sich unschwer an dem behelfsmäßig überklebten Schild ablesen, das zuvor jahrezehntelang 1.909 Meter auswies. Auf dem Weg nach unten darf natürlich ein Stop am Simpson-Denkmal nicht fehlen. Interessant, was Radsportler an dieser berüchtigten Stelle alles hinterlassen. Danach geht es bergab ins übersichtliche Bedoin mit seinem bemerkenswerten Dorfplatz. Von dort an den Südausläufern des Mont Ventoux entlang hinauf zum Col de Madeleine und kurz darauf hinunter in das charakteristische Provence-Städtchen Malaucène. Nach einer Siesta klettere ich dann den Mont-Ventoux an der Westseite hinauf. Auf viel neuem Asphalt rollt das Rad recht leicht. Erst im mittleren Drittel in dem wieder auf mehreren Kilometern 12 bis 13% Steigung zu bewältigen sind, ist Wille gefragt. Während es unten in Malaucène 22°C hatte, ist es im oberen Abschnitt noch 8°C warm. Zusammen mit der mittlerweile aus Südwest scheinenden Sonne ergibt sich ein angenehmer Temperaturmix. Ab der Hochebene Mont Serein lasse ich dann den Genuss vor sportlichen Ambitionen gehen. Ich regele mein Tempo auf Wohlfühlverhältnisse ein, sehe ins bereits mehr als tausend Meter tiefer gelegene Malaucène zurück und mit der Sonne in Richtung Haute-Provence. Im Unterschied zur Ostauffahrt hat man auf dieser Seite den Gipfelturm immer wieder mehr über als vor sich. Noch einige an einer Nordostwand hängende Kehren und ich rolle erneut vor dem Observatorium ein. Auf der schönen Terrasse des im Gipfelbereich gelegenen Restaurants stelle ich mein Rad ab, lege die Beine hoch, genieße die Nachmittagssonne und die nette Kellnerin, die mich mit allerlei Gutem versorgt. Die gerade eroberte Westseite des Mont Ventoux geht als 248. neuer Hochpunkt in meine Palmarés ein. Als die Sonne im Dunst über der Provence zu versinken beginnt, verabschiede ich mich von diesem eindrucksvollen Berg und freue ich mich auf die lange Abfahrt hinunter nach Sault. |