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Reisebericht 4. Etappe

 
 

Monsieur Albert, der Radhändler von Luchon sollte Recht behalten. Als ich ihm gestern morgen von meinem Vorhaben ´Tourmalet´ erzählt habe, warnte er mich gleich vor. „Le temps atlantique, c´est très different d´ici“. Spätestens jeden zweiten Tag, würde es dort regnen. Eigentlich müsse man immer mit einem gewittrigen Schauer rechnen. So manchem Cyclisten habe das Wetter schon den Spaß oder sogar das ganze Spiel verdorben. Hatte Albert den Göttern jede menschenmögliche Verteidigung dieses heiligen Berges versprochen? Dürfen da nur Auserwählte rauf? Oder war er einfach nur Realist?

Nun gut. Jedenfalls war mir so hinreichend klar, dass ich mich mit dem Wettergott verbrüdern muss, wenn der Aufstieg zum Col de Tourmalet das Erlebnis werden sollte, das ich mir davon versprach. Gleich in der Morgendämmerung, es war gerade 5:00 Uhr geworden, klingelte zum ersten Mal der Wecker. Der Regen prasselte nur so von Westen an mein Dachgaubenfenster. Etwas die Beine lockern, Wasserhaushalt auffüllen, mit einer Banane bei den Kohlenhydratspeichern anklopfen und dann nochmal unter die Decke.

Um 8:00 Uhr hatte ich dann etwa den Rhythmus raus, mit dem die Schauer vom Atlantik rübergerollt kamen. Eine halbe Stunde später klart es wieder deutlich auf. Jetzt ist meine Stunde gekommen. Ich werfe mir die Klamotten an den Körper, stecke mir alles Wichtige in die Taschen, hole das Rad aus dem Schuppen nebenan.

Dann schaue ich ein letztes Mal nach oben .. und sehe dort, wo gerade noch blauer Himmel war, ein breites schwarzes Wolkenband in Windeseille auf Ste. Marie zukommen. Startabbruch, so macht das keinen Sinn. Schon auf den ersten Metern klatschnass werden, so den ganzen Berg rauffahren und dann zunehmend vom Wind zu einem krampfenden Bündel zusammengeblasen werden: das brauche ich nicht auch noch sehenden Auges.

Eine knappe weitere Stunde später war das Regenband durch und ich entschloss mich kurzerhand den Tourmalet so hochzufahren, als stünde heute nichts mehr anderes auf dem Programm. Schade für den französischen Kollegen, der wohl einige Minuten früher gestartet war und dessen Skalp ich gerade an der Stelle einsammelte, wo am Straßenrand die ganze Familie im begleitenden Wohnmobil auf ihn wartete.

Das Wohnmobil schloss zu mir auf, Mutter steuerte an mich heran und Vater wollte sich vergewissern, wer den da gerade seinen Sohnemann eingesammelt hatte. „Tu es espagnol?“ „Non - je suis allemand.“ Noch ein paar nette Worte, dann hatte Père aber wohl schon gelesen, dass ich am Limit meiner Kräfte unterwegs bin. Mutter musste langsamer machen und kurz darauf, gab er seinem kurbelnden Teammitglied in Manolo-Saiz-Manier die Sporen.

So hatte ich mir die Auffahrt zum Tourmalet zwar erstmal nicht vorgestellt. Während der warme Asphalt dampfend abtrocknete, nahm ich dann aber doch das Spielchen mit meinem unbekannten französischen Freund an. Angesichts des bereits herausgefahrenen Vorsprungs und einem kurzen ´über die Kräfte leben´ gelingt es mir den ersten Angriff abzuwehren und mein Hinterrad freizuhalten.

Ich hatte mich für eine möglichst sparsame Zermürbungstaktik entschieden. So galt es nun als nächstes, rechtzeitig mitzubekommen wann der Kamerad anfängt, mal durchzuatmen, um in Windeseile das gleiche zu tun und mich dabei soweit zu erholen, dass ich für die nächste Attacke gerüstet bin. Aber natürlich auch, um nicht soweit wegzufahren, dass der Wirbel dahinten gleich entmutigt einschläft.

Kurz unterhalb der Skistation La Mongie, fünf Kilometer vor dem Gipfel haben Vater und Sohn dann aber doch einsehen müssen, dass aus dem Aufschließen heute wohl nichts mehr wird. Der heftige Gegenwind, der die kahlen Geröllhänge herunterpeitschte, wird sein übriges dazugetan haben. Später, oben auf der Passhöhe hatten alle Beteiligten viel zu lachen.

Wäre schon mal interessant, eine Zeitreise zum 21. Juli 1910 zu machen, als dieser Pass zum ersten Mal Teil der Tour-de-France war; als Dach der 326 km langen Etappe von Luchon nach Bayonne.

Nachdem ich nun doch um einiges früher hier oben war, als ursprünglich vermutet und das Wetter noch ein wenig zu halten schien, ließ ich es mir nicht nehmen, auch noch einen Geschmack von der anderen Seite dieses berüchtigten Passes zu bekommen. Also ließ ich mich kurzerhand nach Super-Barèges hinunterfallen. Die Westseite dieses Passes hält nocheinmal eine Steigerung dessen bereit, was man auf der Ostseite erleben kann. An regenschwarzen, steil aufragenden Felswänden schraubt sich die Passstraße mit nocheinmal deutlich schärferer Steigung nach oben.

Auf der Abfahrt nach Ste. Marie fängt mich dann doch der nächste Gewitterschauer ein. Klatschnass erreiche ich die Auberge, in der mein Rucksack auf mich wartet. Ich nutze die Gelegenheit, mich in den zweiten Trikot-Hose-Strümpfe-Satz zu stecken und freue mich auf eine mächtige Portion Spaghetti in dem Bistro, das ich schon gestern abend ausgemacht hatte.

Die Strecke zum Col d´Aspin zieht sich. Irgendwie kann ich es kaum erwarten, dass endlich der Punkt kommt, an dem sich die Straße aus dem zunächst nur leicht ansteigenden Tal herauswindet, die Steigung merklich zunimmt und ich dem nächsten Zwischenziel entgegenklettere. Der direkte Vergleich mit dem Tourmalet sitzt so nachhaltig im Kopf, dass man immer wieder geneigt ist, den Aspin zu unterschätzen. Und tatsächlich habe ich, oben angekommen, den Eindruck, dass sich dieser Pass recht passabel erklimmen lässt. Anlass zu Übermut besteht trotzdem keiner. Bis ins heutige Etappenziel Luchon sind noch zwei weitere Bergketten zu überwinden.

Während der Abfahrt vom Col d´Aspin biege ich in Arreau nach Süden ab. Der Col d´Azet ist für mich noch ein total unbeschriebenes Blatt. Die Straße führt zunächst an der Aure entlang, bis in St-Lary-Soulan der Wegweiser nach links zeigt und sich auch gleich die Gelegenheit bietet auf höhere Betriebstemperaturen zu kommen.

Da macht es wenig aus, dass es seit einer halben Stunde wieder leicht regnet. Das schmale, immer wieder interessant geführte Asphaltband schlängelt sich durch eine nicht minder reizvolle Landschaft immer weiter nach oben. Auf der Passhöhe lässt dann ein Rundumpanorama mit Postkartencharakter die Anstrengungen schnell vergessen.

Jetzt folgt Abfahrtsspaß pur. Eine gut ausgebaute Straße und popoglatter Asphalt führt hinunter nach Armenteule.

Angesichts der Aussicht, dass der Tag eine weitere lange Abfahrt - die nach Bagnères-de-Luchon - bereithält, fällt der letzte Aufstieg des Tages nur noch halb so schwer. Wenngleich sich der Rucksack auf dem Rücken jetzt nicht gerade motivierend bemerkbar macht. Es wäre glatt gelogen, wenn ich behaupten würde, ich dächte nicht immer wieder daran, wie sich der Spaß ohne die neun Kilo auf dem Rücken auskosten lassen würde.

Ich bin kurz vor dem Col de Peyresourde, als mir wieder einfällt, dass man auch ohne Rucksack am Ende eines Radtages, wie dem heutigen, richtig kaputt sein kann. Der gravierendste Unterschied ist wohl die Tatsache, dass man leicht Gefahr läuft zu niedrige Trittfrequenzen zu fahren.

Während ich die 1.000 Höhenmeter, die zwischen dem Col de Peyresourde und Luchon liegen, mit Genuss kaputtmache, sind meine Gedanken aber schon längst wieder weit weg von niedrigen Trittfrequenzen.

Abends liege ich wieder in meinem Zimmer im ´Deux Nations´ und will ich kaum glauben, welche Fülle von Erlebtem und Erfahrenem in diesem Tag lag. Ich versuche, die Etappe nocheinmal in Gedanken durchzugehen und bin mit einem Mal im Tiefschlaf. Als ich spät am Abend aufwache, zieht es mich dann aber doch noch mal in das quirlige, südländisch geprägte Nachtleben dieses sympathischen, tief zwischen Bergen liegenden Städtchens.