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| Die morgendliche Kohlenhydrat-Ration habe ich meinem Körper bereits verabreicht, jetzt bin ich beim lukullischen Teil des Frühstücks angelangt, den 3Cs: Croissants, Confiture, Café. Eine Stunde später rolle ich dann aus Luchon hinaus. Durch das leicht abfallende Pique-Tal geht es nun zunächst zwanzig beschauliche Kilometer Richtung St. Béat, der sich eng an der Wasserkante des Garonne entlangwindenden Kleinstadt. Zeit genug, dass sich meine Gedanken noch einmal von den wesentlichen Unbekannten dieses Tages gefangen nehmen lassen können. Zunächst ist da der Col de Portet d´Aspet, mit seiner steilen Westrampe. Seit ich diese vor drei Tagen wie im Sturzflug runtergesegelt bin, weiß ich: ohne Wiegetritt wird da nichts gehen, schon gar nicht mit dem Rucksack auf dem Rücken. Zum anderen gilt es das Tagesziel im Auge zu behalten. Aulus-les-Bains kenne ich noch nicht, weiß aber, dass es sich eher um ein Bergdorf handelt, als um eine Pyrenäen-Metropole. Das Übernachtungsangebot gibt sich nach allen Informationen eher spärlich. Alle anderen Etappenort-Alternativen liegen zu weit weg oder gefährden meinen Plan, am letzten Tag den wesentlichen Hochpunkten Andorras die Aufwartung zu machen. Vor alledem fordert gleich hinter St. Béat erstmal der Col de Menté seinen Tribut. Fast tausend Höhenmeter sind da hinauf zu bewältigen. Danach werde ich wohl wissen, wie es um die heutige Form bestellt ist. Zu meiner Erleichterung stelle ich schon auf den ersten Kilometern fest, dass der Splitt, der mir hier am Sonntag die Abfahrt vermasselt und meine Bremsmuskulatur zur Weißglut getrieben hat, tatsächlich schon abgekehrt ist. Nach der ersten steileren Rampe habe ich deshalb keine allzugroßen Probleme meinen Rhythmus zu finden. Als ich über viele Kehren nach einer knappen Stunde den Kulminationspunkt erreicht habe, weiß ich, dass dieser Pass einen besonderen Platz in meinen Palmarés verdient hat. Während ich auf der anderen Seite hinunterfahre, Kurve für Kurve Brems- und Einlenkpunkt zu optimieren versuche, glaube ich zu verstehen, warum man Gefahr läuft diesen Col zu unterschätzen: Die Landschaft ist so kleinräumig gegliedert und macht einen so unschuldigen Eindruck, dass man es gar nicht glauben mag, dass sie einem immer noch eine weitere Flanke in den Weg stellt. Hinauf zum Portet d´Aspet stelle ich mich von Anfang an darauf ein, dass hier die Belastungsprobe des Tages lauert. Mit dieser mentalen Vorbereitung empfinde ich die hier wartende Aufgabe gar nicht mehr so grenzwertig, obgleich sich nicht verhindern lässt, dass mein Puls in die obersten Regionen springt. Die Straße schlängelt sich an der Falllinie nach oben, links von mir nimmt Gebirgswasser seinen Lauf, über mir schließt sich das Blätterdach des Waldes, der das enge Tal für sich einzunehmen versucht. Nur ab und zu wird es etwas lichter und die Sonne kommt durch. Gut, dass ich meine Gedenkminute am Casartelli-Denkmal schon am Sonntag abgehalten hatte. Fast ein bisschen zu groß und pompös geraten, der bildhauerisch bearbeitete Marmorblock, der in diesem engen Tal unmittelbar neben der Straße an die einstige italieniensche Radsporthoffnung erinnert. Wäre ich Fabio gewesen, mir hätte die bescheidene Sonnenuhr, auf der die Stunde des Endes eingearbeitet ist, vollends genügt. Stück für Stück arbeite ich mich der Passhöhe entgegen und stelle mir vor, wie man hier eigentlich heil runterkommen kann, wenn man es gleichzeitig krachen lassen will - oder soll. Wenn das Schicksal es schon so vorsieht, dass das Leben beim Radsport zu Ende geht, dann ist diese dunkle, dramatische und trotzdem seltsame Ruhe ausstrahlende Stelle da unten, ein Ort, der von einem Dramaturgen nicht besser ausgesucht hätte werden können. In Audressin breche ich die Abfahrt vom Aspet ab, fahre Richtung Castillon-en-Couserans weiter um mit dem Col de la Core Neuland zu erschließen. Fast habe ich den Eindruck, das Tagespensum schon bald erfüllt zu haben, als mir bewusst wird, dass noch zwei richtige Tour-de-France-Berge zu bewältigen sind, bevor sich Entspannung einstellen darf. Immerhin heißt es ja auch im Zeitlimit zu bleiben, um die Chancen auf eine Bett in Aulus nicht leichtfertig zu schmälern. Wie schon in Luchon vermutet, kann ich jetzt eine Zwischenmahlzeit, die nicht viel Zeit in Anspruch nimmt, gut gebrauchen. Außerdem will ich die Halbliter-Dose Ravioli, die ich heute morgen im ´Petit Casino´ erstanden habe, nicht auch noch zum Col de la Core hochschleppen. Frisch gestärkt, vergehen weitere tausend Höhenmeter fast wie im Flug. Hinter dem Col de la Core gehts nach Seix hinunter. Als ich dort an dem belebten Marktplatz vorbeikomme und merke, dass ich eigentlich ganz gut in der Zeit liege, versorge ich mich mit frischem Obst und gönne mir dann in der Nachmittagssonne eine kleine Pause vom Rucksacktragen bei einem Café au lait. Also auf zum letzten Gefecht des Tages, nur der Col de Latrape wartet noch. Mit der Sonne im Rücken geht es über eine gut ausgebaute Straße mit geringer Steigung nach Ustou. Rouleur-Eigenschaften werden in mir wach. Mit mehr als 30 km/h geht es dahin - ich wundere mich selbst ein bisschen, wehre mich aber auch nicht dagegen, weil das beschwerlichste im Moment das Sitzen ist und eine schnellere Fahrt die Zeit des Leidens abkürzt. Noch im Ort beginnt dann die Straße in die Höhe hinauf zu führen. Über vier weitgezogene Kehren lässt man das Alet-Tal unter sich und kann dann schon bald erahnen, wo der höchste Punkt erreicht sein wird. Eine abgeschiedene Gegend. Das Passschild sieht dann auch eher so aus wie man es vom Bergwandern gewöhnt ist. Von Aulus-les Bains trennt jetzt nur noch eine fünf Kilometer lange kurvige Abfahrt. Aulus gibt sich genau so, wie ich es mir bereits ausgemalt hatte. Offensichtlich hat dieser Ort schon einmal bessere Zeiten erlebt. Große, mittlerweile leerstehende Hotels mit klingenden Namen lassen erahnen, dass es sich hier einmal um einen Magneten für Kur-Tourismus gehandelt hat. Im August, dem Ferienmonat der Franzosen, hat des dafür jetzt eher ein paar Zimmer zu wenig. Deshalb lässt sich auch für mich nicht so leicht ein Bett finden. Bei einem Hausherrn, der schließlich einsieht, dass er sein freies Doppelzimmer besser mir gibt, als noch länger auf das Prinzip Hoffnung zu setzen, klappt es dann aber doch. Ich gehe noch schnell Getränke und Lebensmittel einkaufen um sicherzustellen, dass ich ernährungsmäßig gut über die Nacht komme und erfahre dabei, dass heute Nacht ein Petanque-Turnier ausgetragen wird. Die Mitspieler werden in Gruppen eingeteilt und tragen an verschiedensten Ecken des Ortes ihre Vorrunden aus. Ein Spielfeld braucht man nicht. Eine wenig befahrene Straße, ein kleiner Parkplatz, ein Spielplatz und die Vorfahrt eines ehemaligen Hotels reichen aus. Gegen 0:30 Uhr in der Nacht versammelt sich jung und alt, ganz gleich ob aktiv, bereits ausgeschieden oder sowieso passiv zu den Finalrunden im kleinen Stadtpark. Faszinierend zu sehen, wie solch eine kleine Holzkugel Ausgangspunkt für soviel Spaß, Gemeinsinn und Könnerschaft sein kann. Selbst als ich im Bett liege ist das Geklacker der Eisenkugeln immer
noch nicht verstummt. Aber das stört heute überhaupt nicht. |