vorherige Seite
zurück zur Übersicht
nächste Seite

Reisebericht 6. Etappe

 
 

Aulus-les-Bains ist noch nicht recht erwacht, da bin ich bereits auf dem Weg zum Col d´Agnès. Gleich am Ende des Ortes, steht die Hinweis-Tafel, die den Radsportfreunden ankündigt, dass die herausfordernsten Kilometer zum 860 m höher gelegenen Pass unmittelbar bevorstehen. Allerdings überrascht die Tafel hier nicht wirklich, schließlich steigt die Straße schon im Ort auf 11 % an.

Ehrlich gesagt, hatte ich auch mit nichts anderem gerechnet, als dass es heute gleich richtig zur Sache geht. So habe ich bereits den Frühstückseinkauf mit ein paar Laufrunden verbunden. Dem Laktat in meinen Beinen war damit klar, dass es auch heute wieder sein wohlig-warmes Plätzchen vorzeitig aufgeben muss. Dabei hatte es sich nach nunmehr 22 Pässen, 610 km und mehr als 16.000 Höhenmetern gerade so richtig schön eingenistet.

So wie die Morgensonne immer höher steigt, erklimme auch ich Meter um Meter. Weiter oben gibt der Wald immer öfter den Blick nach Westen frei, also in das Tal aus dem ich aufsteige. Mit der Sonne im Rücken, geht der Blick nicht nur hinunter nach Aulus, sondern auch hinüber zum Col de Latrape, dem letzten Hochpunkt der gestrigen Etappe.

Während mir auffällt, wie klar die Morgenluft heute ist, gehen mir auch nocheinmal die Blicke durch den Kopf, die ich letzte Nacht in den Himmel geworfen hatte. Kein Planetarium hätte das Sternenzelt eindrücklicher präsentieren können. An einem solch abgeschiedenen, nur mit den notwendigsten Laternen ausgerüsteten Ort, wird einem im wahrsten Sinne des Wortes klar, welchen Qualitätsverlust Lichtverschmutzung bedeuten kann. Ich hoffe, ich habe den Eindruck bewusst genug in mich hineingesaugt, dass ich das Bild noch lange aus meiner Erinnerung abrufen kann.

Am Col d´Agnès kommt mir dann die Sonne durch den Morgentau entgegen, der sich in der kühlen Nacht auf die saftigen Wiesen gelegt hat. Kargheit ist hier oben ein Fremdwort. Fast meint man, es könne die Natur nicht alleine gewesen sein, die hier Regie geführt hat. Auf dem Weg hinunter zum Bergsee ´Étang de Lers´ (1.240 m) werden Erinnerungen an den einprägsamen Landstrich um den Col de Sarenne, oberhalb von Alpe d´Huez, wach.

Auf der Route der diesjährigen Tour-de-France-Etappe (Ziel: Plateau-de-Beille) geht es bald hinauf zum Col de Lers, der den Ausgangspunkt für eine rasende Abfahrt ins fast 30 km entfernte Tarascon-sur-Ariège bildet. Unterwegs kündigt eine große, schwarze Gewitterwolke vorübergehendes Unheil an. Auf den letzten Kilometern vor Tarascon ignoriere ich deshalb einfach mal die Signale des Körpers und tue gerade so, als gelte es da vorne als erster über einen Zielstrich zu fahren.

Und schließlich kommt es auch fast so. Am Bahnhof in Tarascon entlocke ich dem Automaten ein Ticket nach Ax-les-Thermes, da fallen bereits erste Tropfen aus dem blitzdurchzuckten Himmel. Der Zug rollt ein, die nächste halbe Stunde geht meine Reise auf der Schiene weiter. Der Blick nach draußen gibt sich gerade so, als würde man durchs Fenster einer Waschmaschine schauen.

In Ax-les-Thermes angekommen, ist alles wieder so, als wäre nichts gewesen. Ich tue auch so, suche schnell eine Unterkunft, besorge unterwegs Essbares, das heute mehr Nahrungsmittel als Lebensmittel ist und das die Abendgestaltung von Ladenöffnungs- und Essenszeiten unabhängig macht. Ich ahne bereits, dass das von Vorteil sein könnte. Auch wenn mein Ziel zunächst mal ´nur´ Port-de-Pailhères heißt, den Pass, über den die Tour-de-France 2005 vom Mittelmeer nach Ax kommt.

Die knapp 1.300 Höhenmeter hinauf auf den 2000er ziehen sich über 18 Kilometer. Rechnet man das Flachstück heraus, das man zwischen Ascou und La Forge antrifft, wird klar, dass man es dort, wo es bergauf geht, im Mittel mit 10 Steigungsprozenten zu tun bekommt. Da heißt es sich drauf einstellen. Und das geht auch. Trotzdem jagt mir im zweiten Teil des Anstiegs ein Schauer über den Rücken.

Kommt mir doch plötzlich ein ausgewachsener Vierbeiner hinterher, der offensichtlich nicht nur ein kleines Spielchen im Sinn hat, sondern meine linke Wade mit einer leckeren Wurst zu verwechseln scheint. Ich gehe in den Wiegetritt, aber keine Chance! Angesichts des nassen Abdrucks der Hundeschnauze, den ich bereits mit mir herumtrage, habe ich plötzlich eine Eingebung. „Couchetoi!“, brülle ich den Buhler mit Leibeskräften an. Verstört, wie die Typen, die sich eine solche Abfuhr zu Schüleraustauschzeiten bei meiner bretonischen Freundin abgeholt hatten, drehte er zu meiner Erleichterung ab. Muriel, sei Dank!

Entweder war es dieser Zwischenfall oder der strahlend blaue Himmel über dem Ziel da oben, jedenfalls fühlte ich mich die nächsten Kilometer ungewohnt frisch. Oberhalb der Baumgrenze, dort wo mir dann auch ein munterer Ostwind entgegenstand, war der Aufstieg dann aber doch wieder richtig Arbeit.

Auf 2.001 m, der Passhöhe, gönne ich mir einen Blick Richtung Mittelmeer, besser gesagt auf die dem Osten zugewandte Bergflanke und die darin eingebettete Straßenführung. Sicher nicht das schlechteste auch einmal von dieser Seite hier herauf zu fahren.

Während ich Richtung Ax zurückrolle, kalkuliere ich, ob die Zeit es noch hergibt einen Schlenker über den Col de Chioula einzubauen. Ich wage es und werde dafür von der kleinen Corniche (D2/D44), über die ich nach nach Ax zurückfahre, mit einem unbeschreiblichen Ariège-Panorama belohnt.

Der Aufstieg zum Plateau de Bonascre (Skigebiet Ax3Domaines) hätte heute nicht mehr sein müssen. Aber wenn man schon mal da ist ... und die TDF 2005 hier zur Bergankunft herauffliegt, na dann soll es der Buckel halt auch noch sein.

Nach dem Abendessen interessiert mich noch, was der Stadtkern von Ax-les-Thermes so zu bieten hat und wie die Franzosen, die hier leben oder Urlaub machen, ihren Abend verbringen. Letztlich strande ich im ehrwürdigen Casinokomplex, in dem gerade die letzte Stunde eines vergnüglichen Tanzabends anbricht. Jung und alt ist auf den Beinen. Die meisten haben sich ein wenig herausgeputzt, mir sieht man meine Minimal-Reisegarderobe deutlich an. Trotzdem finde ich mich, schneller als ich es begreifen kann, mit der einen oder anderen Französin auf der Tanzfläche wieder. Völkerverständigung pur.