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| Wie schafft man es, als Radfahrer von Ax-les-Thermes nach Porté-Puymorens zu kommen ohne die vielbefahrene E9 nutzen zu müssen? Nach meinen guten Erfahrungen von gestern, liegt es nahe, nocheinmal auf den Zug zu setzen. Diesmal den, der unter dem Pyrenäen-Hauptkamm hindurch nach Süden, also Richtung Spanien unterwegs ist. Wenige Kilometer vor der spanischen Grenze steige ich aus und trete von hier meine letzte Etappe an. Spannend verspricht vor allem das Programm zu werden, das ich mir für die zweite Tageshälfte in Andorra vorgenommen habe. Zunächst heißt es aber, auf dem Weg hinauf zum Col de Puymorens den Rhythmus finden. Auch auf dieser Seite führt ein heerstraßenbreites Asphaltband an den kargen Bergen entlang nach oben. Genau wie man es mir in Ax-les-Thermes beschrieben hatte, hält sich aber hier der Verkehr in erträglichen Grenzen. Was ich mir durch die Zugfahrt erspart habe, wird mir eine gute Stunde später klar, als ich mich bereits auf dem Weg hinauf zum Port d´Envalíra, Andorras östlichem Zugang, befinde. Vor der Grenzstation in Pas de la Casa hat sich ein kilometerlanger Rückstau gebildet. Der zollfreie Einkauf lockt Schnäppchenjäger dermaßen, dass sich Pas de la Casa im Laufe der Jahre zu einer Shopping-Destination entwickelt hat, wie man sie auf 2100 m Höhe und in dieser Größenordnung wohl so schnell nirgends noch einmal findet. Dass man sich hier mitten im Quellgebiet der Ariége befindet, geht dabei verständlicherweise unter. Das i-Tüpfelchen wartet dann weitere 300 Meter höher in Form
von drei nüchternen Tankstellen, die mit der öden landschaftlichen
Szenerie des Port d´Envalíra auf ganz seltsame Weise harmonieren.
Tanklastwagen und Autos streben in eigenartiger Selbstverständlichkeit
diesem Gipfel zu, ohne mehr im Sinn zu haben, als gerade hier oben Benzin
umzufüllen. Was sich mit 20 % günstigerem Sprit doch alles inszenieren
lässt. In Soldeu erwartet mich dann ein Vorgeschmack auf das, was mich auch noch im weiteren Verlauf des Tages erwartet: Qualitativ hochwertige Bautätigkeit, wohin das Auge nur blickt. Offensichtlich soll noch so einiges fertig werden, bis die nächsten Wintersportler kommen. Glücklicherweise finde ich schnell ein Zimmer. Auch der Bus, der mir klar macht, dass meine Teilzeit-Reisegesellschaft nicht weit sein kann, scheint bereits in den Startlöchern für die Rückreise zu stehen. Um 14:00 Uhr steuere ich dann den Coll d´Ordino an und wundere mich zunächst einmal wieviel tiefer doch Canilo liegt, wo ich die verkehrliche Hauptschlagader des Steuerparadieses verlasse. Auf einer der schönsten Straßen Andorras schraube ich mich an der nördlichen Flanke aus dem Kerbtal heraus. Recht anspruchsvoll und teilweise auch richtig ausgesetzt trassiert, windet sich dieses Erlebnis, allen Konturen des Massivs folgend, in die Höhe. Vom Coll d´Ordino geht der Blick in das größte Seitental Andorras hinunter, ins ´Valira del Nord´. Andorras Hinterland, im positivsten Sinne verstanden. Durch Ordino und das beschauliche El Serrat führt die Trasse zu der nächsten radalpinistischen Herausforderung: Andorra-Arcalis, Skistation und zugleich Tour-de-France-Bergankunft. Was man auf der Karte leicht unterschätzt, wächst sich sich vor Ort zu einer wirklichen Bergprüfung aus. Kaum einmal fällt die Steigung im Schlussanstieg unter 10 %, nicht selten liegt sie sogar auch deutlich darüber. Dafür entschädigt aber die Landschaft und die Straßenführung wohlwollend. Am Ende des asphaltierten Weges angekommen, führt eine Schotterpiste weiter, die ich mir dann auch nicht nehmen lasse, obwohl es bereits recht frisch wird. Aber ein wenig Abgeschiedenheit kann der Nachhaltigkeit des Eindrucks, den ich von hier oben mitnehme, sicher nur gut tun. Außerdem reizt mich die Frage, ob es am Ende dieser noch halbwegs befahrbaren Piste möglich ist, über den Port de Rat Richtung Vicdessos und Port de Lers weiterzukommen. Schließlich stellt sich heraus, dass man das mit dem Rennrad besser bleiben lässt. Und das will bei mir etwas heißen. So viel Energie gefragt ist, hier herauf zu kommen, soviel Spass macht es, zu wissen, dass einem das Gefälle jetzt eine gute halbe Stunde lang durch das Gelände fliegen lässt, als hätte sich ein Turbolader zugeschaltet. Und weil alles erst durch Kontraste so richtig eindrücklich wird, geniesse ich am alten Markt in Ordino erstmal in Ruhe ein leckeres Tarte (oder waren es leckere Tartes?) und einen guten Café. Während die Sonne ihre letzten Strahlen zu mir herunterwirft, fällt mein Blick auf die Bergkette, die das Tal in Kürze in leblosen Schatten legt. „Da oben muss doch der Coll de la Botella liegen“, denke ich so vor mich hin und frage mich kurz darauf, ob ich es wohl schaffen werde, dem Tag da oben einen zweiten Sonnenuntergang abzugewinnen. Also verdränge ich mal, wie sich dieses gerade geborene Vorhaben auf den weiteren Zeitplan auswirkt, rolle hinunter nach La Massana, um von dort den dritten Zweitausender dieses Tages in Angriff zu nehmen. Glücklicherweise finde ich bald einen guten Rhythmus und so kann ich die Abgeschiedenheit dieser Ecke Andorras dazu nutzen, das fast hinter mir liegende Pyrenäen-Programm noch einmal Revue passieren zu lassen. Kaum zu glauben, wie selbstverständlich mir das eine oder andere jetzt schon vorkommen will, obwohl doch jeder Tag mit Herausforderungen und Eindrücken nur so vollgestopft war. Am Coll la Botella erwische ich die Sonne gerade noch und eigentlich will ich nur bis an die nächste Ecke fahren, um auf der anderen Seite ins Tal zu schauen. Neben dem Tal, gibt es dann aber noch etwas Interessantes zu entdecken: Die Straße hinüber zum Port de Cabús, ist nicht die aus allen Berichten und Karten herauszulesende Katastrophe. Im Gegenteil. Irgendjemand ist hier vor kurzem auf die Idee gekommen, die 7 Kilometer lange Strecke feinstens herzurichten. Das will ich meinem Rad nicht vorenthalten. Ein richtig schönes Adventure könnte es sein, vom spanischen Örtchen Tor hier heraufzudrücken. Runter müsste es - selbst mit Rennrad - allemal gehen. Für meine Ansprüche zumindest. Als ich das Andorra-Schild, das hier oben am Port de Cabús die
Grenze zu Spanien deutlich macht, Ich hätte gut damit leben können, diesen Radtag, besser diese
Radwoche, im quirligen La Vella zu beschließen. Als sich herausstellt,
dass der letzte Bus bereits vor einer halben Stunde Richtung Soldeu abgefahren
ist, richte ich mich auf einen ganz besonderen Abschluss ein: Nacht-Höhenmeter
machen. Allein bis Soldeu warten 800 davon, da kann auch gleich der weitere
600 m höher gelegene Port d´Envalíra nochmal dran glauben. |